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„Muss“, „Sollte“, „Darf“ oder „Kann“?
Wussten Sie schon?
In ISO-Normen entscheidet oft ein einziges Wort über die Verbindlichkeit einer Anforderung. Zwischen shall, should, may und can liegen keine stilistischen Unterschiede – sondern vier klar definierte Rechts- und Normstufen. Wer diese Begriffe falsch interpretiert, kann Anforderungen unnötig verschärfen oder im schlimmsten Fall ein Audit falsch bewerten.
Warum englische Normen oft anders zu verstehen sind als ihre deutschen Übersetzungen
Wer internationale Normen wie ISO 27001, ISO 9001 oder ISO 22301 liest, stößt immer wieder auf die englischen Modalverben shall, should, mayund can. In den deutschen Übersetzungen erscheinen daraus regelmäßig muss, sollte, darf oder kann.
Auf den ersten Blick scheint die Bedeutung offensichtlich zu sein. Tatsächlich unterscheiden sich jedoch die sprachlichen Konventionen im Englischen und Deutschen erheblich. Dadurch entstehen immer wieder Missverständnisse – sowohl in Unternehmen als auch bei Auditoren oder in juristischen Diskussionen.
Englische Modalverben sind normativ definiert
In Alltagssprache können Wörter unterschiedlich interpretiert werden. Für internationale Normen gilt das jedoch gerade nicht.
Die ISO hat in den ISO/IEC Directives, Part 2 – Rules for the structure and drafting of International Standards verbindlich festgelegt, welche Bedeutung die einzelnen Modalverben besitzen.
| Englisches Modalverb | Bedeutung |
|---|---|
| shall | verbindliche Anforderung (Requirement) |
| should | Empfehlung (Recommendation) |
| may | Erlaubnis |
| can | Möglichkeit bzw. Fähigkeit |
Diese Begriffe besitzen innerhalb einer ISO-Norm also eine exakt definierte Bedeutung – unabhängig davon, wie sie im allgemeinen Sprachgebrauch verstanden werden.
„shall“ bedeutet nicht einfach „soll“
Ein häufiger Irrtum besteht darin, das englische shall mit dem deutschen Wort soll gleichzusetzen.
Historisch mag diese Übersetzung naheliegen. Im heutigen Normungsrecht bedeutet shall jedoch eindeutig:
Diese Anforderung ist verpflichtend einzuhalten.
Aus diesem Grund wird shall in deutschen DIN- und ISO-Übersetzungen regelmäßig mit
- muss
- ist
- ist sicherzustellen
- hat … zu
übersetzt.
Diese Formulierungen kennzeichnen verbindliche Anforderungen.
Das Problem mit „should“
Interessanter ist das englische Wort should.
Viele deutschsprachige Leser verbinden damit automatisch eine unverbindliche Empfehlung:
„Das wäre schön.“
Genau das meint ISO jedoch nicht.
Die ISO beschreibt should als eine Vorgehensweise,
die ausdrücklich empfohlen wird, ohne andere Möglichkeiten vollständig auszuschließen.
Mit anderen Worten:
Es handelt sich nicht um eine Pflicht, wohl aber um die bevorzugte und regelmäßig erwartete Vorgehensweise.
Wer davon abweicht, sollte dafür sachliche Gründe haben.
Warum „sollte“ häufig missverstanden wird
Die deutsche Übersetzung verwendet seit vielen Jahrzehnten das Wort sollte.
Normungstechnisch ist diese Übersetzung korrekt.
Sprachlich führt sie jedoch leicht zu Missverständnissen.
Im allgemeinen Deutsch klingt
Das Unternehmen sollte …
oft wie
Das Unternehmen kann das machen – oder eben auch nicht.
Im Kontext einer ISO-Norm besitzt dieselbe Aussage jedoch deutlich mehr Gewicht.
Sie beschreibt eine empfohlene Vorgehensweise, deren Nichtbeachtung regelmäßig begründet werden sollte.
Die Rolle von BSI und VdS
Besonders interessant wird der Vergleich mit Veröffentlichungen des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sowie der VdS Schadenverhütung.
Das BSI
Das BSI orientiert sich in vielen Dokumenten an internationalen Normen, entwickelt jedoch zugleich eigene Methodiken, beispielsweise im IT-Grundschutz.
Daher erscheinen dort Formulierungen wie
- muss
- sollte
- ist
- kann
nicht ausschließlich als Übersetzung englischer ISO-Texte, sondern teilweise als eigenständige normative Festlegungen.
Die Bedeutung ergibt sich deshalb stets aus dem jeweiligen Dokument.
VdS-Richtlinien
VdS-Richtlinien verfolgen häufig einen anderen Ansatz.
Dort finden sich oftmals Formulierungen wie
muss
an Stellen, an denen eine ISO-Norm lediglich
should
verwendet.
Dies stellt keine fehlerhafte Übersetzung dar.
Vielmehr formuliert VdS bewusst strengere Anforderungen als die zugrunde liegende ISO-Empfehlung.
Für Zertifizierungen oder Versicherungsanforderungen ist diese Verschärfung durchaus üblich.
Warum diese Unterschiede wichtig sind
Gerade bei Audits entstehen regelmäßig Diskussionen.
Ein Auditor beanstandet das Fehlen einer Maßnahme.
Das Unternehmen verweist darauf, dass in der Norm lediglich „should“ stehe.
Wer die ISO-Systematik kennt, erkennt sofort:
Es handelt sich tatsächlich nicht um eine zwingende Anforderung.
Gleichzeitig genügt aber auch nicht die Aussage
„Wir wollten das eben nicht.“
Vielmehr sollte dokumentiert werden, warum im konkreten Fall eine andere Vorgehensweise angemessen ist.
Englische Gesetze verwenden dieselben Prinzipien
Nicht nur ISO-Normen arbeiten mit dieser Systematik.
Auch englischsprachige Gesetze, technische Spezifikationen sowie internationale Verträge unterscheiden bewusst zwischen
- shall
- should
- may
- can
Dabei besitzt insbesondere shall im angelsächsischen Rechtsraum traditionell eine verbindliche Bedeutung.
Juristen und Übersetzer achten deshalb sehr genau darauf, welches Modalverb verwendet wurde.
Eine ungenaue Übersetzung kann die rechtliche Aussage erheblich verändern.
Fazit
Internationale Normen verwenden keine zufälligen Formulierungen. Die englischen Modalverben shall, should, may und can sind normativ definiert und kennzeichnen unterschiedliche Grade der Verbindlichkeit.
Während shall verbindliche Anforderungen beschreibt, kennzeichnet should empfohlene Vorgehensweisen, von denen in begründeten Fällen abgewichen werden kann. May beschreibt eine zulässige Handlung, can dagegen lediglich eine Möglichkeit oder Fähigkeit.
Gerade bei deutschen Übersetzungen lohnt sich daher ein Blick in das englische Original. Das deutsche Sprachgefühl führt nicht selten zu einer anderen Interpretation als sie von ISO, BSI oder VdS tatsächlich beabsichtigt ist.
Wer internationale Normen anwendet, auditiert oder übersetzt, sollte diese Unterschiede kennen – denn oft entscheidet ein einziges Modalverb darüber, ob eine Aussage verpflichtend, empfohlen, erlaubt oder lediglich möglich ist.